Troppau/Oppava - verschwundene Stadt
Troppau/ Oppava - verschwundene Stadt

Wie soll ich jene verlorene Stadt am östlichen Rand des böhmischen Kessels gelegen beschreiben, Hauptstadt des schlesischen „Zauns“, der Provinz, die nach dem Raubzug Friedrich II. im Siebenjährigen Krieg bei Österreich verblieb, Troppau, meine Geburtsstadt? Ihr jahrhundertealter historischer Namen ist nach der „ethnischen Säuberung“ von der Landkarte verschwunden. Sie heißt nun nach dem Fluß, der sie umfließ, Oppava. Keine zusammenhängende Erinnerung, Düfte (nach Karlsbader Oblaten aus der in unmittelbarer Nähe gelegenen Waffelfabrik), Küchengespräche, (mit Wanda, dem tschechischen Pflichtjahrmädchen), Reisen zu den bäuerlichen Großeltern nach Zattig, Nächte im Luftschutzkeller.
Was hatte ich nach meiner zögerlichen Zusage, mich mit Schwester und zwei Cousinen in der letzte Septemberwoche 2006 an einer Fahrt in die „Heimat“ zu beteiligen, erwartet? Veranstalter der einwöchigen Reise war die „Sudetendeutsche Landmannschaft, Kreisverband Ebersberg“, ein Traditionsverein zur Pflege sentimentaler, in störrischer Wehmut verharrender Erinnerung, niemals überprüft, trotzig auf das „Heimatrecht“ pochend. Ziel war das Altvatergebirge (Hruby Jesenik). Unser Quartier war ein Hotel in Freudental, Repräsentationsbau der sozialistischen Ära, dessen Personal sich redlich bemühte, westliche Standards zu realisieren. Die Reise sollte der Erkundung der Landschaft zwischen den Städten Freudenthal (Bruntal), Jägerndorf (Krnov) und eben Troppau (Oppava) dienen. Ein halber Tag war der Besteigung des Altvater gewidmet, der sich aber in Nebel gehüllt hatte und uns die erhoffte weite Aussicht auf das Altvatergebirge vorenthielt. Auf der Rückfahrt machten wir Station im Kurort Karlsbrunn (Karlova Studanka), einer von Wald umgebenen Ansammlung von herrschaftlichen Hotels und großzügigen Badeeinrichtungen. Der in Troppau ansässige Deutsche Ritterorden hatte nach dem Rückgang des Bergbaus auf der Suche nach neuen Einnahmequellen, den Badebetrieb wirtschaftlich entwickelt und für Touristen attraktiv gemacht. Keine 10 km entfernt vom moderne Kurbetrieb liegt eines der ehemaligen Zentren des Bergbaus, das Industriedorf Klein-Mohrau (Mala-Moravka), Cousine Wilmas Geburtsort. Meine Schwester Nora erinnert sich an Wilmas Eltern und Wanderungen von Klein-Morau nach Karlsbrunn. Cousine Wilma eilt während der Fahrt im Bus nach vorn, greift zum Mikrophon und läßt es sich bei der Ortsdurchfahrt nicht nehmen, die örtlichen Baulichkeiten im Stenogrammstil zu erläutern :“...das ist neu ..hier war die tschechische Schule für vier Kinder...die Försterei von Opitz... es gab vier Förstereien am Ort...die Fabrikantenvilla ....“. Am dritten Tag endlich Troppau. Wir verlassen das Gebirge und erreichen die Ebene. Fruchtbare Äcker anstelle von Wäldern und kargen Feldern. Vorbei an den Gebäude der alten Zuckerfabrik. Über die Jägerndorfer Straße erreichen wir das Zentrum der Stadt. Wir parken in Sichtweite des alten Rathauses (Schmetterhaus). Davor das traditionsreiche Stadttheater und das im Jugendstil erbaute Kaufhaus „Breda und Weinstein“. Nora erinnert sich, dass nach der Arisierung der Name getilgt wurde. Es hieß nun schlicht das „Kaufhaus“. Wir trennen uns von der Gruppe. Unter Führung von Wilma verlassen wir den Rathausplatz und gelangen nach wenigen Metern zum Niederring. Der große mit einer Mariensäule geschmückte Platz wird von St. Adalbert, einer ehemaligen Jesuitenkirche, beherrscht. Der Barockbau ist nach dem Vorbild von „Il Gesu“ in Rom errichtet (lesen wir im Stadtführer). Links und rechts erheben sich die Gebäude der ehemaligen Jesuitenschule. Der bekannte Biologe, der Augustinerpater Gregor Johann Mendel, war hier Schüler und später Lehrer. Nach kurzer Pause gibt Wilma, die weitaus Älteste von uns, das Signal zum Aufbruch. Dieses Mal ist das Ziel ihre Schule. Ihr Schulwechsel von Freudenthal nach Troppau brachte sie über Jahre als Wochenendfahrerin in unser Haus. Nach dem imposanten Schulbau der Jesuiten sind wir erneut von der Größe des Instituts beeindruckt. Der lang gestreckte viergeschossige Bau kann es an Größe mit dem ihm gegenüberliegenden protzigen Museumsbau des „Schlesischen Museums“ aufnehmen. Durch eine Grünanlage erreichen wir die Herrengasse, das alte Zentrum der Stadt. Die wochenlangen Kriegshandlungen 1945 haben diesen Teil der Stadt stark beschädigt. Einiges ist von der alten Pracht geblieben: das klassizistische Blücherpalais, die Minoritenkriche, das Palais Sobeck-Skal und neueren Datums, ein überproportionierter Gründerbau, Sitz des 1938 errichteten Regierungspräsidiums. Nora weiß sogar die Fenster vom Büro unseres Vaters. Während wir uns einen Kaffee gönnen, zieht Nora unruhig ihre Kreise. Studenten drängen sich auf den Straßen, an den Kaffee-Tischen. Die Adelspaläste beherbergen heute eine Universität. Nora kehrt zurück und drängt zum Aufbruch. In der ehemaligen Sperrgasse, vorbei an dem niedrigen Gebäuden des alten Franziskanerklosters und städtischen Krankenhauses überqueren wir die Ringstraße und erreichen die Teichgasse. Nora mit eilenden Schritten uns weit voraus steht bereits vor unserer ehemaligen ebenerdigen Wohnung. „Da der Nachbar, der Schneidermeister Schimeta“, Nachbarskinder, der Kindergarten, den sie allerdings nur wenige Tage besucht hat und wenige Schritte weiter ihre Schule (Rossy-Schule). Wieder ein mächtiger Schulbau mit einem breiten Portal. Es habe intensiv nach Bohnerwachs gerochen, was ihr jedes mal Kopfschmerzen verursacht habe, kommentiert die Schwester das Institut. Bei den Versuch, auf den rückwärtigen Schulhof zu gelangen, wird Nora von dem Hausmeister verscheucht.
Unser nächstes Ziel ist das zwei Straßen weiter in der Olmützer Straße gelegene Haus Nummer 18, letzte Wohnung vor der Flucht. Heute beherbergt das Gebäude ein landwirtschaftliches Institut. Im Eingang hängen Fotografien von prämierten Zuchttieren. Der Treppenaufgang ist verschlossen und behindert unsere weiteren Werkundungen. Während Wilma und Cousine Ingrid eine Bank an der Haltestelle der Straßenbahn zur erneuten Rast nutzen, umrundet Nora mit mir die nächsten Häuserblocks. Vorbei an der Hedwigskirche, auf deren Turm eine Flak montiert worden war. Das Geräusch der trocken belfernden Abschüsse drang bis in den Luftschutzraum. Während wir weiter eilen memoriert Nora Namen von ehemaligen Mitbewohnern und Nachbarn. Nein, Besitzer des stets bellenden Dackels, für den übel riechende Innereien gekocht worden (auch mir als Geruch erinnerlich), war nicht die Besitzerin des Hauses. Das war die Hofrätin. Vor einem hohen Haus, dessen Stockwerke umlaufende Balkone schmücken bleibt Nora stehen: „Hier wohnte eine Baronin, die mit ihrem tschechischen Dienstmädchen zu jeder Tageszeit schimpfte. Das Spektakel war bis auf die Straße zu hören. Die Rückseite unseres Hauses ist unseren neugierigen Blicken durch sozialistische Wohnblocks verstellt. Die Zeit wird knapp. Wir müssen zum Bus. Bevor wir das „Kaufhaus“ erreichen, geht eine Straße links ab. Nora: „Hier geht es nach Jagsta, wo die Großmutter wohnte. Jeden Sonntag besuchten wir sie zum Kaffee“. Ich hatte zur Vorbereitung der Reise einen alten Stadtführer „Grieben“ erstanden. 1938 hatte Troppau 48.000 Einwohner über 50% Deutschböhmen. Zentrum des Eissportes in Schlesien. Das Eislaufstadion befand sich im Wallgraben der ehemaligen Stadtbefestigung unweit des Ratiborer Tores. Wilma erinnert sich an gemeinsames Schlittschuh laufen.
Wir sitzen wieder im Bus. Auf der Rückfahrt unterbrechen wir die Fahrt in Jannowitz. Der Ort wird beherrscht von einem dem Verfall preisgegebenen riesigen Schloß, Sitz der Grafen und Industriemagnaten Harrach. 1946 wird das damals noch intakte Schloß zum Sammellager der expatriierten Deutschböhmen. Ein bisher stummer Mitreisender fängt an zu reden. Für ihn ist das Schloß Schreckensort und Idylle zugleich. In ungelenker Sprache und erregter Gemütslage beginnt er von Flucht- und Kindheitserinnerungen zu reden. Mit seinen Eltern habe er als Jugendlicher im Schloßhof auf die Ausweisung gewartet. Als Kind habe er sich oft im Schloß aufgehalten. Sein Großvater war Kammerdiener des letzten Grafen. Reiche Leute seien die Harrachs gewesen. Besitzer von Eisenhütten, Landwirtschaftsgütern, Brauereien und Mühlen. Mit weit ausgestreckten Armen versucht der kleine Mann die Größe des Gegenstandes seiner Erzählung zu verdeutlichen.
Wieder in Freudenthal unternehmen wir einen abendlichen Spaziergang. Er führt vorbei an Wilmas alter Schule. Hier erzählt die Cousine eine erstaunliche Geschichte eines ihrer Lehrer (Professor Weiß, Deutsch und Geschichte), Schwarm aller Backfische des Instituts. Auf einem Kongreß lernt der verheirate Erzieher eine attraktive weit jüngere Kollegin (Wilma: „groß, blond und sehr sportlich“) näher kennen. Es gelingt ihm, diese nach Freudenthal an die Schule versetzen zu lassen. Das Verhältnis der beiden bleibt nicht lange verborgen. Die verzweifelte Ehefrau überschüttet sich und das zweijährige Kind mit Benzin und zündet sich an. Im Krankenhaus erliegen Mutter und Tochter ihren Verletzungen. Nach einer Anstandsfrist heiratet der Witwer seine Geliebte. Welch ein Skandal? Ich bin beeindruckt: „Und wie geht es weiter mit dem schuldigen Paar?“ Die Cousine stutzt, überlegt kurz und lacht. Professor Weiß wird Leiter des Instituts. Nach 1945 flüchten das Paar nach den Westen. Hoch betagt ist Frau Weiß in den 60er Jahren gestorben.
In der ersten Septemberwoche 20012 reisen wir mit der Urania Potsdam in die historische Markgrafschaft Mähren („am Ostrand des einstigen Königreiches Böhmen“). Eine Gelegenheit, Ingrid die heimatliche Landschaft zu zeigen. Über Breslau fahren wir in die Tschechische Republik ein und übernachten auf den Weg nach Olmütz und Brünn in Troppau. Aus der Perspektive dieser beiden bedeutenden mährischen Städte wird meine schlesische Geburtsstadt miniaturisiert. „Eine verschlafene Kreisstadt, der man eine unbedeutende Universität verliehen hat“, so oder so ähnlich fällt die Charakterisierung unseres Führers aus. Beim abendlichen Spaziergang gelingt es mir, in das Innere der Jesuitenkirche zu gelangen. In stehe in einer dunklen, durch Kerzen schwach erleuchteten barocken Höhle, die meine Vorfahren und mich einstens entlassen hat. Der Kirchendiener rasselt ungeduldig mit dem Schlüssel. Er will nach Hause.
Aus unserem Hotelzimmer ein Blick auf die nächtliche Innenstadt (Foto).

(aus Mauerspringer oder wie ich den Kalten Krieg gewann)

• Dr. D.K. Gessner • KRIMI UNTERHALTUNG • Leben und Schreiben in Zeiten des Kalten Krieges • Tel. 030/28 04 77 79 • 10627 Berlin