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Sie bogen von der befestigten Straße in den grundlosen Feldweg ein. Der Wagen, ein DKW Baujahr 1936, begann zu schaukeln und zu rutschen. Der Regen wurde stärker. In seinem Nacken spürte der Kommissar den nach Essen dünstenden Atem des älteren Polizisten, der sich beim Reden von dem Rücksitz nach vorn beugte. Der dicke, rotgesichtige Uniformierte hatte sie am Dorfeingang erwartet. Nach Aufforderung bemühte er sich, einen kurzen Bericht zu geben. Der Fahrer, Inspektor Hecht, eine Zigarette zwischen den Lippen, konzentrierte sich darauf, den mit Wasser vollgelaufenen Spurrillen auszuweichen. Die Scheibenwischer arbeiteten quietschend gegen die Regenschauer an. Bei Regen und Westwind schmerzte Raubers rechter Arm, seine Kriegsverletzung. Aus dem stockenden Bericht des Polizisten ergab sich ein unvollständiges Bild: Bei Arbeiten an seiner Futterrübenmiete hatte ein Bauer einen in der Uferböschung nur ungenügend vergrabenen Fallschirm entdeckt. Das Hochwasser hatte ihn freigespült. Von seinem Dienstapparat hatte der Polizist, nachdem er benachrichtigt worden war und sich von der Existenz des Schirms überzeugt hatte, das Polizeikommissariat in S. verständigt. „ Biste ordentlich hier rumgelatscht“, bullerte Hecht, öffnete die Scheibe und schnippte die Kippe seiner Zigarette aus den Wagen. Der Polizist war ob der Kritik des Inspektors verstummt. „Ein Wunder, daß bei dem Sauwetter überhaupt was gefunden worden ist“. Seit ihrer Abfahrt war die Stimmung des Inspektors grimmig. Er sah Ärger auf sie zukommen. Der Kommissar schwieg weiterhin. Er kannte seinen Untergeben und seinen Riecher, wenn Komplikationen drohten. Jetzt tat er dem Polizisten unrecht. Der schwieg nun verbockt. Er arbeitete seit zwei Jahren mit Hecht. Dieser war nach Erreichung der Altersgrenze aus der Wehrmacht entlassen worden und auf seinen Wunsch auf seine alte Stelle bei der Kriminalpolizei zurückgekehrt. Er war Rauber zugeteilt worden. Nach kurzer Zeit hatte dieser sich an die knurrige Art seines erfahrenen Untergebenen gewöhnt. Er hatte Hechts gute kriminalistische Nase und wiederholt seine undurchsichtigen Beziehungen zu jenen Personen schätzen gelernt, die sich im Umkreis der Garnison und auf dem Schwarzmarkt herumtrieben. Hier unterhielt der Inspektor nützliche Kontakte. Der Polizist, der an der Reaktion seiner angereisten Kollegen wohl dunkel ahnte, auf was er da gestoßen war, schwieg im- mer noch verstockt. „Haben Sie außer dem Schirm noch was gefunden ?“ wandte sich Rauber zu ihrem Führer. „Einen ledernen Sack... und ... Handschuhe“, der Polizist, sichtlich froh, daß der Kommissar sein Schweigen gebrochen hatte, beugte sich wieder nach vorn. Erneut stiegen dem Kommissar seine Ausdünstungen in die Nase. „ Ich habe die Fundstelle, so gut es ging, markiert.“ Sorgfältig hatte er sofort nach der Mel- dung den Fundplatz abgesucht. Nun machte man ihm deswe- gen Vorwürfe. Er starrte auf den breiten Nacken des Fahrers. Hecht wich laut fluchend einem Schlagloch aus. Der Wagen schlingerte und drohte vom engen Feldweg in den Feldrain abzurutschen.
Der Anruf des Polizisten war heute früh zu Rauber durchgestellt worden. Nach wenigen Sätzen war ihm das Treffen in Ilfeld in der vorigen Woche eingefallen. Zum ersten Mal hatte er dort mit eigenen Augen gesehen, wovon sie bisher nie etwas Genaues in Erfahrung gebracht hatten, die gewaltige Baustelle am Fuße des Kohnsteins. Eskortiert von in zwei Kübelwagen fahrenden Wachen, hatte man ausgesuchten höheren Polizeiführern der Region bei der improvisierten Besichtigung einen kleinen Teil der gewaltigen Gesamtanlage gezeigt. Die Handvoll Männer war beeindruckt von den erkenn- baren Ausmaßen des im Aufbau befindlichen Werkes. In den getarnten Eingängen der Stollen verschwanden fortlaufend Menschen, die die SS aus dem gesamten Reich zusammengezogen hatte. Über das Vorgelände verteilt standen Baracken, waren Wachtürme errichtet worden. Im anschließenden Gespräch war schnell klar geworden, daß ihnen die SS das alles, was bisher sorgfältig abgeschirmt vor sich gegangen war, nicht ganz aus freien Stücken zeigte. Wenig später sollten die aus Berlin angereisten Sicherheits- und Abwehrexperten schroff die Mitarbeit der regionalen Polizei einfordern. Nach vorliegenden Erkenntnissen der Feindaufklärung war für die nächste Zeit mit einer verstärkten Sabotagetätigkeit zu rechnen. Bereits die Überwachung der als Vorauskolonnen bis jetzt zusammengezogenen Häftlinge, aber erst recht der in Zukunft herangeschafften Arbeiter stellte die SS vor große Aufgaben. Die Abschirmung der Anlage jedoch machte notgedrungen die Zusammenarbeit mit der Polizei vor Ort notwendig. Ziel der feindlichen Aktivitäten würde es nun sein, die Vorbereitungen der Verlagerung der deutschen Raketenproduktion von Peenemünde an den Harzrand, den in Angriff genommenen Bau von unterirdischen Fabrikationsstätten in jeder Weise zu behindern. Zum ersten Mal hatte Rauber, den sein Chef zu dieser Besprechung mitgenommen hatte, konkrete Anschauung über die für die Produktion moderner deutscher Waffen notwendigen Anstrengungen bekommen. Von solchen neuen Waffen war die Rede, die hier in einer unterirdisch angelegten Fabrik, unerreichbar für alle Flugzeuge des Gegners, unter dem Deck- „Dora“ hergestellt werden sollten. Ein gigantisches Projekt, abgesegnet von höchster Stelle. Sie waren in das Sicherungskonzept einbezogen worden, weil in der Nähe von S. bereits vor einem Jahr mit der MUNA eine geheime, in die dichten Wälder der Hainleite gebaute Fabrikationsstätte angelegt worden war. Daß die Alliierten nicht nur die Errichtung der MUNA, sondern auch die Aktivitäten in dem ehemaligen Gipswerk zur Kenntnis genommen hatten, gestanden die Berliner Experten ohne weiteres ein. Die deutsche Abwehr hatte in den letzten Monaten eine verstärkte feindliche Luftaufklärung über Mitteldeutschland festgestellt. Bisher hatte der Ostharz beim Feind kein besonderes Interesse erregt. Einen Tag lang hatten sie sich die Experten anhören dürfen. Sie hatten erfahren, daß seit einiger Zeit ein illegaler Sender mit wechselnden Standorten verschlüsselte Nachrichten aus der Region sendete. Bisher war es nicht gelungen, den Sender zu orten. Daß sie so bald einen Vorgeschmack der Voraussagen der „eingebildeten Fatzkes aus der Reichshauptstadt“ (O-Ton seines Chefs) bekommen sollten, beeindruckte den Kommissar. Die Offenheit, mit der intern über diese Dinge gesprochen wurde, nahm er als Indiz für die Gefährlichkeit der Lage. Ähnlich ging es seinem Chef, einem erfahrenen Polizeifuchs, der während dieser Ausführung schnaufend neben ihm gesessen hatte, ein untrügliches Zeichen, daß er über das Gehörte beunruhigt war. Auf der stundenlangen Heimfahrt hatte der klobige und schwere Mann neben ihm beharrlich geschwiegen. Rebling hatte sich direkt vor seinem Haus absetzen lassen und war wortlos und ohne sich zu verabschieden ausgestiegen. Mit schleppendem Schritt ging er den Gartenweg entlang und erklomm die wenigen Stufen bis zur Haustür. Hecht und Rauber waren sich einig: Das Schweigen des Präsidenten war ein schlechtes Zeichen. In den zwei Jahren ihrer Zusammenarbeit hatte Rauber seinen Chef so gut kennengelernt, daß er wußte: Nur wirklich ernste Dinge kamen an ihn heran. Die Existenz eines unauffindbaren Geistersenders bedeutete höchste Alarmstufe. Es war ihnen ausdrücklich verboten worden, von der Zusammenkunft in „Dora“ Aufzeichnungen zu machen. Raubers Kopf stieß schmerzhaft gegen das Autodach und riß ihn aus seinen Gedanken. Hecht hatte erneut ein Schlagloch übersehen und murmelte, den Kopf leicht nach hinten gewendet, eine undeutliche kurze Entschuldigung. Der Weg endete kurz vor dem Flußdeich an einer halbfertigen Kartoffelmiete. Sie stiegen aus und folgten dem Polizisten. Ihre Schuhe versanken im Schlamm. Doch niemand achtete darauf. Als sie sich der Miete näherten, erhob sich ächzend eine von der Plane verdeckten Gestalt. Es war der Bauer, der den Schirm gefunden hatte.
Als sie über die Deichkrone in die Uferböschung gestiegen waren, sahen sie den Schirm. Die weiße Seide des offensichtlich nur flüchtig vergrabenen Fallschirms leuchtete unwirklich grell, vom Regen blank gewaschen auf dem vom Hochwasser verschlammten Rasen. Nicht weit von ihm lag ein rechteckiges Paket. „Nicht anfassen!“ Der Polizist hatte Anstalten gemacht, es aufzuheben. „Spuren, Mensch!“ Rauber sah auf das gurgelnde schwarze Wasser des noch immer Hochwasser führenden Flusses. „Entweder der Springer ist unvorsichtig gewesen oder“, in seinem Kopf arbeitet es mühsam, „der Abgesprungene ist gestört worden oder hat sich beim Auf- prall verletzt“. Das Hinterlassen solcher Spuren wirkte unprofessionell.
Den Männern näherten sich zwei Uniformierte mit Suchhunden. Rauber hatte vor ihrer Abfahrt die Garnison um Unterstützung durch die Hundestaffel der Feldjäger ersucht. Der Feldwebel deutete lässig einen militärischen Gruß an und ließ sich von dem Polizisten kurz den Fundort erklären. Dann kletterten die beiden Hundeführer in die Böschung. Der Regen fiel immer dichter. Rauber entließ den Bauern und bestellte ihn zur Aufnahme eines Protokolls ins Gasthaus des nahen Dorfes. Der alte Mann, sichtlich froh über das Ende des stundenlangen Wartens, holte sein Fahrrad. Unsicher auf den Füßen sein Gefährt schiebend entfernte er sich. Bald hatte ihn der Regen verschluckt.
Die Hunde schlugen wiederholt an, jaulten einige Male kurz auf. Als sie sich mit ihren Führern wieder der wartenden Gruppe näherten, ging ihr Atem keuchend. Nachdem die Soldaten die auf höchste erregten Tiere in den Kübelwagen gesperrt hatten, erstattete der Unteroffizier Bericht: Hochwasser und der anhaltende Regen hatte, wie nicht anders zu erwarten, alle Spuren verwischt. „Da ist noch etwas“, der Uniformierte zögerte. „Die Spuren sind durch Versprühen eines chemischen Präparates für die Hunde unkenntlich gemacht worden. Tja, das ist doppeltes Pech!“ Er zuckte mit den Schultern.
Hecht hatte den Soldaten geholfen, die gefundenen Gegenstände auf eine mitgebrachte Plane zu legenden Fallschirm, die Ledertasche, Handschuhe, die Ledermütze und ein Messer. Ohne auf seine inzwischen völlig durchweichten Schuhe zu achten, kletterte der Kommissar nun selbst in die Böschung. Mit seiner Taschenlampe suchte er die verschmutzte Grasnarbe ab. „Wenn es je Fußspuren gegeben hatte, so waren sie spätestens nach dem Einsatz der Hunde unkenntlich“. Regen drang ihm in dem Nacken. Sein Hemd wurde feucht. Der Kragen seiner Pelerine, die er sich nach dem Aussteigen umgeworfen hatte, schloß nicht fest genug. Fluchend erklomm er wieder die Deichkrone. Oben angekommen warf er noch einmal einen Blick auf ihre Beute. Der Inspektor, der sich an der halboffenen Erdmiete zu schaffen gemacht hatte, trat zu ihm. „Der Regen und das Hochwasser...und dann hat dieser Trottel“, sein Kopf wies in Richtung des Polizisten, „auch noch wie ein Wildschwein rumgewühlt“. Rauber gab das Zeichen zum Aufbruch. Mühsam legte das Auto den Rückweg zurück. Die Dorfstraße war leer. Durch den knappen Spalt der geöffneten Fenster drang das Heulen der durch ihren Wagen aufgescheuchten Hofhunde ...
• Dr. D.K. Gessner • KRIMI UNTERHALTUNG • Leben und Schreiben in Zeiten des Kalten Krieges • Tel. 030/28 04 77 79 • 10627 Berlin