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(Spätsommer 1989)
Der Spezialagent hatte es Walther freigestellt, sie nach Tempelhof zu begleiten. Doch der bestand darauf mitzufahren. Mit unbewegtem Gesicht hatte der Agent das Ende von Walthers heftigem Gefühlsausbruch abgewartet. Mit einem „wie Du meinst“ hatte er sich, die Schulter zuckend, abgewandt. Am Telefon hatte er die technischen Einzelheiten der Ausreise besprochen. Nun standen sie leicht fröstelnd im frühen Morgengrauen auf dem Flugfeld. Die zweimotorige Sondermaschine rollte mit zunehmender Geschwindigkeit der Startbahn zu, hielt kurz an, um dann endgültig zwischen anderen Maschinen zu verschwinden. Jetzt hob der Mann, den sie die ganze Aktion über diesen lächerlichen Namen gegeben hatten, eine Hand. Wem galt wohl dieser Gruß? Walther war in einer elenden Verfassung. Zu dem beruflichen Tiefschlag kam seine schmerzlich erlittene persönliche Niederlage, der Verlust seines Freundes. Der Spezialagent hatte ihnen allen eine Lektion erteilt. Aber vor allem er, intimer Kenner der Gegenseite, Experte des russischen Geheimdienstes, hatte eine Lektion erhalten, wie man mit den Russen umspringen mußte. Nach einem kurzen Kopfnicken hatte der russische Geheimdienstoffizier sich in Richtung des Flugzeugs begeben. Er ging, ohne sich noch einmal umzublikken. Sein knabenhafter Begleiter im eleganten Mantel folgte ihm nach kurzen Zögern. Hintereinander betraten sie die Gangway. Vor und hinter den beiden Männern drängten sich die bulligen Körper ihrer Begleiter. Der Abschluß einer der erfolgreichsten Aktionen des CIA in Europa war undramatisch. Der russische Überläufer nahm alles und bekam viel. Nach seiner Ankunft in den Staaten würde man ihm einen Barscheck über einen erheblichen Betrag übergeben. Er würde eine neue Identität erhalten und an der Seite von „Koschka“ ein geheimes, aber luxuriöses Leben beginnen. Walther sah dem entschwindenden Flugzeug nach. Die zarte weiße Haut an der Unterseite der muskulösen Oberarme, die dunklen Schmetterlinge in den Achselhöhlen, wenn der Junge die Hände über den Kopf verschränkte oder sie ihm entgegenstreckte. Nie wieder...Abschütteln, diese Erinnerung so schnell und gründlich wie es ging. An das Nächstliegende denken... Wie würde die Gegenseite reagieren? Dieser Gedanke hatte ihn nie losgelassen. Man konnte es von der sportlichen Seite her sehen. Konnte sich der gegnerische Geheimdienst eine solche Niederlage leisten. Gerade jetzt? Würden sie das so hinnehmen? Konnten sie sicher sein, daß die Russen ihre Aktion nicht von Westberlin aus beobachtet hatten? Wenn sie in letzter Minute einen Zwischenfall provozierten? Ein Blick auf seinen Begleiter beruhigte ihn. Dafür war es zu spät. Sonst würde der Spezialagent nicht so ruhig neben ihm stehen. Der Kahlkopf ließ seine Hand sinken und drehte sich zu ihm. „Komm!“ Er entfernte sich quer über das Flugfeld in Richtung der Abfertigungshalle. Seine Gestalt wurde zusehens kleiner. Walther zögerte zu folgen. Was wollte er noch? Der Agent würde in den nächsten Tagen wieder zurückfliegen. Zuvor würde er Smith Anweisungen geben, wie sie in dem Falle, die Russen brachten die Sache in die Öffentlichkeit, reagieren sollten. Eine Ahnung sagte ihm, daß die Gegenseite still halten würde. Sie war direkt nicht betroffen. Es ging um das Material der Ostdeutschen. Vielleicht würden die Russen den Coup selbst in die Öffentlichkeit bringen. Aber die Russen waren unberechenbar. Vielleicht würden sie daraus eine Propagandaaktion machen. Da war der zweite Russe, dessen Leiche wohl inzwischen gefunden worden war. Über die näheren Umstände seines Todes hatte sich Beljanow hartnäckig ausgeschwiegen. Daddy hatte eine Zeit lang den Russen mit Fragen nach den konkreten Umständen seiner Flucht bedrängt. Doch der hatte geschwiegen. Die Gegenseite wußte inzwischen, daß der Major zusammen mit einem zweiten Mann die Kaserne in Karlshorst verlassen hatte. Aber auch, daß er die Grenze allein überschritten hatte. Walther setzte sich in Trab. Noch bevor der Spezialagent die Halle erreichte, holte er ihn ein. Jetzt war die letzte Möglichkeit mit diesem noch ein persönliches Gespräch zu führen. Bei diesem Gedanken trat Walther kalter Schweiß auf die Stirn. Er bekam den Mund nicht auf. Schweigend saßen sie im Fond des Wagens, der sie zum Konsulat brachte. Die letzten Schritte bis zum Übertritt des Russen waren wie ein zu schnell gedrehter Film abgelaufen. Zähneknirschend hatte Walther Longlegs dringenden Wunsch, einen Treff mit Dmitry zu vereinbaren, erfüllt. Er hatte dabei alle Vorsichtsmaßnahmen fallen gelassen. Bei dem Treffen mit Dmitry hatte der Spezialangent in einem Vieraugen-Gespräch Dmitry unter Druck gesetzt. Walther suchte den tränenüberströmten Jungen zu trösten. Longlegs, ganz kalte Hundeschnauze, rührte keinen Finger. Auf die durch Dmitry überbrachte Forderung hin, hatte Beljanow in einem toten Briefkasten eine Filmrolle der Dateien zur Prüfung hinterlegt. Eine ganze Nacht hatten Walther und der Agent mit zwei eingeflogenen Ex- perten das Material ausgewertet. Dann hatte der Spezialagent auf ein persönliches Treffen mit den Russen bestanden, um die Modalitäten der Übergabe zu klären. Die Zeit drängte. Über Dmitry hatte der Russe mitteilen lassen, daß er bereits einen festen Termin für seine Rückkehr nach Rußland kannte. Wollte er mit einer solchen Andeutung das Verfahren beschleunigen, nachdem er sich entschlossen hatte die Seiten zu wechseln? Einen Tag später trafen sie dann Beljanow selbst. Nur mit Grausen dachte Walther an dieses Zusammentreffen. Nach einer schlaflosen Nacht war er zusammen mit Daddy zu dem vereinbarten Treffpunkt aufgebrochen. Sie trafen sich in einer konspirativen Wohnung im Tiergarten. Bei dieser Gelegenheit sah er zum ersten Mal den Russen. Er war überrascht. Seinem Äußeren nach glich dieser mehr einem aristokratischen Lebemann als einem gerissenen und mit allen Wassern gewaschenen Geheimdienstoffizier. In einen eleganten Zweireiher gekleidet, erklärte Belajanow zu Beginn der Unterhaltung im besten Englisch den beiden Männern, daß er wegen der Umstände seines Grenzübertritts nicht mehr zurück könne. Auf die besorgte Nachfrage von Walther nach dem Schicksal des erwarteten Materials erklärte er, daß sich dieses bereits im Westen befinde. Im Gegensatz zu Walther schien den Spezialagenten diese Eröffnung des Russen nicht zu überraschen. Er reagierte gelassen. Mit undurchdringlichem Gesicht hörte er sich die Bedingungen des Russen an: Ausreise in die Staaten zusammen mit Koschka, eine neue Identität für beide Männer und einen Geldbetrag. Die Summe, die der Russe nannte, erschien Walther nicht übertrieben hoch. Bekamen doch chinesische Piloten bereits eine Million Dollar vom CIA, wenn sie eine Maschine nach Taiwan flogen. Der Agent hatte offensichtlich weitreichende Vollmachten. Er sagte: „Okay, wo ist das Material?“ Der Russe rauchte ununterbrochen, das einzige Zeichen, daß er innerlich angespannt war. „Sie akzeptieren meine Bedingungen?“ Der russische Offizier drückte seine Zigarette aus. Der Spezialagent nickte. „Haben Sie einen Wagen unten?“, fragte der Major. Als Longlegs bejahte, stand Beljanow auf: „Fahren wir!“ Die Fahrt ging kreuz und quer durch das nächtliche Berlin. Der Russe bewies eine vorzügliche Ortskenntnis und dirigierte den Chauffeur kenntnisreich durch die Stadt. Er kannte offensichtlich den westlichen Teil der Stadt wie seine Westentasche. Ihre Fahrt endete vor einem Zweifamilienhaus in Frohnau. „Ich gehe allein!“ Der Russe öffnete die Wagentür und verschwand im dunklen Eingang des Hauses. Nach wenigen Minuten flammte Licht im Gebäude auf. Walther und der Spezialagent waren mit dem Fahrer im Wagen sitzen geblieben. Nach wenigen Minuten erschien der Russe mit einem Metallkoffer. Walther öffnete die Wagentür und ließ ihn einsteigen. „Schnell, fahren wir!“ stieß Beljanow heiser hervor und zeigte erneut Anzeichen von Unruhe. Der Koffer lag auf seinen Knien. Und was er dann hörte , sollte Walther sobald nicht vergessen. „In dem Koffer befinden sich die Mikrofilme zweier Dateien der Abteilung Ausland der Staatssicherheit. Sie enthalten unverschlüsselte Adressen und Berichte der Agenten. Ich schätze so zwischen 3-5000“. Er machte eine Pause und sah für kurze Zeit aus dem Fenster des fahrenden Autos. „Den Koffer“, erklärte der Russe kühl, „haben die deutschen Kameraden“ , noch Jahre später versicherte Walther, daß der Russe diesen Ausdruck benutzt hatte,„mit einem Sprengmechanismus gesichert“. „Sie waren immer vorsichtig und genau. Das ist nun meine Lebensversicherung“ . Er lächelte schief. Der Spezialagent verzog keine Miene. „Kurz vor meiner Ausreise werde ich den Mechanismus unschädlich machen und Ihnen den Koffer übergeben“, schloß Beljanow und lächelte wieder. Dieses Lächeln würde Walther für den Rest seines Lebens nicht vergessen. Der Russe war kein Anfänger. Er war Daddy Longlegs in jeder Hinsicht gewachsen. Die gleichen kalten Hundeschnauzen. Die Tatsache, daß er mit seinem Übertritt alle Brücken hinter sich abgebrochen hatte, schien keinen Einfluß auf seine Taktik zu haben. Der Agent meldete sich: „Woher wissen wir, daß auch das Material, von dem Sie reden, da drin ist?“ Mit seiner kräftigen Hand klopfte der Russe mehrere Male energisch auf den Koffer. „So gewiß, wie ich mich auf meine Ausreise und Ihren Schutz verlassen muß“. Dieses Mal lachte der Russe laut und vernehmlich und verzog sein regelmäßiges Gesicht. Es war bereits kurz nach Mitternacht. Der Spezialagent hatte verlangt, daß Beljanow und Dmitry für die Zeit bis zum Start des Flugzeuges in eine Wohnung in Dahlem gebracht wurden. Der Fremde und Walther gingen dem Paar nicht mehr von der Seite. In der Hoffnung, noch ein wenig Schlaf für die wenige Zeit bis zur Abfahrt zu finden, warfen sie sich in der weitläufigen Wohnung auf zwei Couchen. Die Wache übernahmen drei fremde Männer, die, in der Wohnung auf Stühle verteilt, den Morgen erwarteten. Nach einem Anruf von Longlegs waren sie zu ihnen gestoßen. Walther hatte keinen von ihnen vorher gesehen. Gegen fünf fuhren sie mit zwei Autos nach Tempelhof. Am Portal des Flughafens empfingen sie zwei Zivilisten, die sie durch die Halle sofort auf das Flugfeld begleiteten. Dort stand mit laufenden Motoren das Flugzeug. Zur Verabschiedung war keine Zeit. Walther nickte für einen Moment Dmitry zu. Der Junge sah übernächtigt aus und war nervös. Doch dies konnte seiner männlichen Schönheit keinen Abbruch tun. Fröstelnd zog er seinen zu leichten Mantel um den Körper. Nun drängte der Russe. Als Walther zu dem Agenten blickte, hielt dieser den Koffer in der Hand. Etwa zur gleichen Zeit an diesem Tag während der übergelaufene russische Geheimdienstmajor mit einer weiteren Person mit russischem Paß in Begleitung der beiden CIA- Beamten die Sondermaschine bestieg, lud die Besatzung eines Sanitätsfahrzeuges unter den Augen russischer Militärpolizisten die Leiche des Leutnants Judetschin in das Auto. Eine Sonderstreife der Volkspolizei hatte die Russen gerufen, nachdem sie die Leiche im Straßengraben gefunden hatten. Ihr Hund hatte die beiden Polizisten zu dem Toten geführt. Als sie bei diesem einen russischen Militärpaß fanden, verständigten sie nach Rücksprache mit ihrer Zentrale die russische Militärpolizei. Nach wenige Minuten erschien ein russischer Jeep. Nachdem er sich den kurzen, teils auf russisch, teils auf deutsch gegebenen Bericht der Polizisten angehört hatte, kletterte der befehlshabende Offizier in den Graben. Nach einer gründlichen Untersuchung des Toten kehrte er zu den Polizisten zurück. Über Sprechfunk forderte er einen Ambulanzwagen an. Nach Ankunft des Wagens hatte er die beiden wartenden Streifenpolizisten in gebrochenem Deutsch aufgefordert, über den Vorfall kein Protokoll anzufertigen und alles weitere ihm zu überlassen. In dem Militärhospital wurde die Leiche sofort von einem Pathologen untersucht. Sie trug keine äußeren Verletzungen. Leutnant Judetschin war das Genick gebrochen worden. Die blutigen Hautabschürfungen stammten von einem schweren Sturz. Der Tod war vor zirka fünf bis sechs Stunden eingetreten. Zusammen mit dem Befund des Pathologen erhielt der den Fall untersuchende Militärstaatsanwalt den Bericht von dem russischen Posten des alliierten Grenzübergang an der Friedrichstraße, daß ein russischer Geheimdienst-Major Beljanow unter Vorlage seine Dienstausweises gegen 1.23 Uhr mit gültigen Papieren versehen in den amerikanischen Sektor gewechselt war. Wie die weiteren Ermittlungen ergaben, hatten Beljanow und Judetschin am späten Nachmittag des Vortages in Zivilkleidern in einem Auto der Marke Wolga gemeinsam die Kaserne in Karlshorst verlassen ...


"Rosewood"
Kriminalroman von
Derek Falk

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Leseproben:

• Dr. D.K. Gessner • KRIMI UNTERHALTUNG • Leben und Schreiben in Zeiten des Kalten Krieges • Tel. 030/28 04 77 79 • 10627 Berlin